Tag der Befreiung - cogito - ergo sum

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Tag der Befreiung

Die Rote Armee in Berlin
Am 25. April 1945 rief der Präsident des Nationalkomitees »Freies Deutschland«, der Schriftsteller Erich Weinert, die Bevölkerung Berlins zum Neuanfang auf

Sitzung des Nationalkomitees »Freies Deutschland« zwischen 1943 und 1945 in der Sowjetunion. Sitzend rechts: Erich Weinert, links daneben: General der Artillerie Walther von Seydlitz
Foto: wikimedia.org/Commons/Bundesarchiv

Freies Deutschland, Nr. 17 vom 25. April 1945, Seite eins. Hier zitiert nach: Gerhard Förster/Richard Lakowski: 1945. Das Jahr der endgültigen Niederlage der faschistischen Wehrmacht. Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1985, Seiten 311-313

Landsleute! Die Stunde hat geschlagen. Das Ende ist da. Nicht das Ende Deutschlands, wie es Hitler und Goebbels euch weismachen wollen, sondern das Ende ihrer Mörder- und Brandstifterherrschaft. Dieses Ende hätte früher kommen können, bevor unsere Heimat zum Kriegsschauplatz wurde. Es lag in eurer Hand. Aber ihr habt euch bis fünf Minuten nach zwölf für diese Schurken ins Feuer jagen lassen. Jetzt ist unser Berlin ein Schutthaufen.
Das habt ihr euch nun zwölf Jahre lang bieten lassen. Mit Brandstiftung, Mord und Betrug fing es an. Hitler ließ den Reichstag anzünden und gab damit das Signal zum Krieg gegen die freiheitlichen Kräfte Deutschlands. Berlin wurde überrumpelt, bevor es sich zum Widerstand sammeln konnte. Und Brandstiftung, Mord und Betrug blieben die Mittel, mit denen die Banditen bis zum letzten Tag regierten.
Hitler, das ist der Krieg! war unsere unablässige Warnung, als der Hausknecht des Rüstungskapitals sich anschickte, die Staatsgewalt in seine Hand zu nehmen. Aber Berlin ließ die Dinge an sich herankommen, statt zuzuschlagen. Da war es zu spät. (...) Wir haben euch vorausgesagt, dass der Krieg mit dem Zusammenbruch der Hitlerherrschaft enden werde, aber auch mit der völligen Zerstörung unserer Heimat, wenn unser Volk den Verbrechern nicht rechtzeitig in den Arm fällt. Hätten Hunderttausende sich damals nicht vom Qualm der Fackelparaden, von der Affenkomödie der sogenannten Volksgemeinschaft und des nationalen »Sozialismus« verblenden lassen, so hätten sie erkennen müssen, was hinter den Kulissen dieser Ausstattungsrevue betrieben wurde. Das war der Krieg. Der nackte Eroberungskrieg. Ja, hättet ihr damals den regierenden Mördern und Betrügern die Gewalt aus der Hand geschlagen, so wäre kein Krieg gekommen und Berlin stünde noch und der Bürger ginge im Frieden seiner Arbeit nach.
Auch die berühmte Arbeitsbeschaffung war nichts als Mobilmachung. Jeder Handschlag, jeder Hammerschlag seit 1933 diente der Zerstörung und nicht dem Aufbau. Geist wurde durch Wehrgeist ersetzt. Und schließlich wurde unserem Volke durch tausend Propagandalakaien täglich eingeredet, es sei ein Herrenvolk und berufen, den »minderwertigen« Nachbarn Ordnung beizubringen. Die ungeheuerlichen Verbrechen, Morde und Pogrome – Methoden, mit denen Hitler im eigenen Lande regierte – dichtete er anderen Völkern, vor allem dem Sowjetvolk an, um für seinen Krieg die nötige Hassatmosphäre zu schaffen. (...)
Die Rote Armee ist in Berlin.
Die tausend Nester der Kriegsverbrecher sind aber nicht über Nacht ausgeräuchert. Sie werden Provokationen verüben. Anschläge aus dem Hinterhalt, Sabotage am Aufbauwerk. Das geht aber nicht nur die Besatzungsmacht, das geht jeden Berliner Bürger an. Wer nicht zupackt, wo er Verbrecher oder fanatische Dummköpfe am Werk sieht, den Frieden zu stören, macht sich mitschuldig. Jeder Berliner, in dem die alten freiheitlichen Traditionen unserer Hauptstadt noch lebendig sind, wird seine Ehre dareinsetzen, den Soldaten eines anderen Landes zu beweisen, dass die Hitlerbande und unser Volk nicht identisch sind. Je eher der Geist des alten Berlin wieder erwacht, um so schneller werden die Völker wieder zueinander Vertrauen gewinnen, um so geneigter wird die Besatzungsmacht sein, sich euch als Freund und Helfer zu erweisen, um so leichter wird die Last, um so kürzer wird die Frist der Besetzung sein.
Berliner! Der Krieg ist zu Ende. Berlin liegt in Trümmern, aber niemand wird jetzt den Kopf hängen lassen. Auch über Ruinen wird der Mai nicht zu blühen vergessen.
Mit dem letzten Schuss, mit der letzten Bombe beginnt das neue Leben. Was geschehen ist, ist nicht mehr zu ändern. Von jetzt an aber wird jeder Handschlag, jeder Hammerschlag nicht mehr demTod und der Zerstörung, sondern dem Aufbau, dem Frieden, dem Leben dienen.
Die Zeiten werden schwer sein, bis das Leben in Berlin wieder seinen Gang geht, bis jeder Berliner wieder sein Dach über dem Kopf, seinen Arbeitsplatz, sein tägliches Brot hat. Aber mit jedem Arbeitstag wird die erdrückende Last leichter werden, die die verfluchte Hitlerzeit auf eure Schultern lud.
Aus dem Chaos wird wieder Ordnung werden. Unser zerrissenes, entwurzeltes, irregeführtes Volk wird sich auf dem Boden des Rechts wieder frei und sicher fühlen. Die redlich Schaffenden aller Stände und Weltanschauungen werden sich zu einer wahrhaft demokratischen Gemeinde zusammenschließen.
Und Berlin wird dem Lande wieder vorangehen. An die Arbeit, Landsleute!

 
 
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